Zwischen Parma und Modena liegt eine Stadt, an der die meisten vorbeifahren. Dabei ist hier etwas ganz besonderes passiert: In einem Saal mitten in der Altstadt wurde 1797 die grün-weiß-rote Flagge beschlossen, die heute an jedem italienischen Rathaus weht. Bei meinem Besuch hat mir Reggio Emilia gut gefallen: zwei Plätze, die enger zusammengehören, als man denkt, eine Basilika, die die Bürger aus eigener Tasche bezahlt haben, und ein Platz, unter dem ein Kanal verschwunden ist.
Eine Flagge in Grün, Weiß und Rot
Am 7. Januar 1797 kamen im Rathaus von Reggio Emilia hundert Abgeordnete zusammen, Vertreter von Bologna, Ferrara, Modena und Reggio. Sie gehörten zur Repubblica Cispadana, einem der kleinen Staaten, die nach Napoleons Italienfeldzug an die Stelle der alten Herzogtümer getreten waren. Ein Abgeordneter stellte an diesem Tag den Antrag, ein gemeinsames Banner in Grün, Weiß und Rot einzuführen, das alle tragen sollten. Der Antrag wurde angenommen. Zum ersten Mal identifizierten sich Städte, die jahrhundertelang rivalisierende Herzogtümer gewesen waren, mit einem gemeinsamen Symbol.
Der Raum, in dem das geschah, heißt seitdem Sala del Tricolore. Er ist bis heute der Ratssaal der Stadt, ein halbrundes Theater in Weiß und Gold, und du kannst ihn kostenlos besuchen. Nebenan erzählt das Museo del Tricolore den Rest der Geschichte.
Und warum ausgerechnet diese drei Farben? Die Deutungen die man heute oft hört, also Grün für die Wiesen, Weiß für die Alpen, Rot für das vergossene Blut, sind viel später dazugekommen. Auch der Vergleich mit Basilikum, Mozzarella und Tomaten ist nur Folklore. Das Vorbild der Trikolore ist ganz einfach die französische Flagge, die Farben selbst kommen aber aus Mailand. Weiß und Rot stammen aus dem alten Stadtwappen, einem roten Kreuz auf weißem Grund. Grün war seit 1782 die Farbe der Uniformen der Mailänder Bürgergarde. Über die Fahnen der napoleonischen Legione Lombarda wanderten die drei Farben nach Süden, und in Reggio wurden sie zur Staatsflagge.
Von dort war es allerdings noch ein weiter Weg. Die Repubblica Cispadana hielt keine sieben Monate: Im Sommer 1797 ging sie in der Repubblica Cisalpina auf, die wenige Jahre später zur Repubblica Italiana und 1805 zu Napoleons Königreich Italien wurde. Nach dessen Ende kehrten die alten Herrscher zurück, in Reggio die Este. Die Flagge aber blieb im Umlauf, jetzt als verbotenes Zeichen der Aufständischen. Sie wurde zum Symbol des Risorgimento, tauchte in jedem Aufstand wieder auf und wehte 1861 über dem neuen Königreich Italien, damals noch mit dem Wappen des Hauses Savoyen in der weißen Bahn. Erst nach dem Referendum von 1946, mit dem Italien zur Republik wurde, verschwand das Wappen. Übrig blieb genau das, was hundertfünfzig Jahre zuvor in Reggio beschlossen worden war.
Aber Reggio hat mehr zu bieten als diese Geschichte.
Die große und die kleine Piazza
Reggio hat zwei zentrale Plätze, und die Reggianer nennen sie schlicht Piazza Grande und Piazza Piccola. Offiziell heißen sie Piazza Prampolini und Piazza San Prospero, aber im Alltag hört man das selten.
Die große ist der repräsentative Platz mit Kathedrale, achteckigem Baptisterium und dem Rathaus, in dem die Sala del Tricolore liegt. Die kleine ist umschlossen von Arkaden, dominiert von der Basilica di San Prospero mit ihren rosafarbenen Marmorlöwen und einem Glockenturm, der achteckig ist und bis heute unvollendet. Von Montag bis Samstag stehen hier vormittags die Marktstände.
Verbunden werden die beiden durch einen kurzen Säulengang, den Vicolo Broletto. Der Name geht auf brolo zurück, den Gemüsegarten der Domherren, der einst genau an dieser Stelle lag. Ein Wort, das an einen Kohlacker erinnert: solche kleinen Anekdoten mag ich bei meinen Entdeckungen.
Eine Basilika, bezahlt von den Bürgern
Im April 1596 wurde in Reggio ein junger Taubstummer namens Marchino geheilt, und zwar vor einem Marienbild, das auf einer Mauer im westlichen Stadtteil gemalt war. Der Bischof setzte eine Kommission aus Theologen, Ärzten und Juristen ein, Rom erkannte das Wunder wenige Monate später an, und Pilger strömten in die Stadt.
Soweit die überlieferte Geschichte - man mag sie glauben oder nicht. Interessant ist, was dann passierte. Nur vier Tage nach dem Ereignis beschloss der Stadtrat, das Bild zu schützen und ihm eine Kirche zu bauen. Finanziert wurde der Bau nicht von der Kirche, sondern aus den Spenden der Bürger und Pilger. Bis heute gehört das Gebäude der Stadt und nicht dem Bistum.
Herausgekommen ist die Basilica della Beata Vergine della Ghiara, ab 1597 gebaut und 1619 eingeweiht. Innen vollständig ausgemalt von den besten emilianischen Malern des 17. Jahrhunderts. Ein beeindruckender Ort, vor allem wenn du dich beim Besuch an diese Entstehungsgeschichte erinnerst.
Der Name hat übrigens nichts Frommes an sich: ghiara bedeutet Kies. Bis ins 13. Jahrhundert floss hier der Crostolo, dann wurde er nach außerhalb der Stadtmauern verlegt.
Ein Kanal im Pflaster
Einer der vielen schönen Plätze Reggios liegt südlich des Zentrums und heißt Piazza Fontanesi. Abends sitzen die Einheimischen zusammen mit Touristen, samstagvormittags ist Bauernmarkt. Der eigentliche Grund, warum ich diesen Platz besonders finde, liegt aber am Boden.
An der Ostseite ziehen sich Symbole durch das Pflaster, die den Verlauf des Canale del Guazzatoio nachzeichnen. Reggio war einmal eine Stadt der Kanäle, gespeist aus Secchia und Crostolo, genutzt zum Waschen der Wolle und zum Antreiben von Mühlen. Zugeschüttet und überbaut wurden sie erst im 19. und 20. Jahrhundert. Was blieb, sind Straßennamen und eben diese Linie im Boden.
An der Nordseite findest du das zweite Detail: die alten städtischen Maßeinheiten, in den Boden eingelassen. Wer auf dem Markt Tuch oder Holz kaufte, konnte hier nachmessen, ob die Ware stimmte. Eine Eichbehörde aus Stein, mitten auf dem Platz, für jeden zugänglich. Diese Details lassen das Leben aus früherer Zeit lebendig werden. Nicht weit entfernt findest du auch den Palast der Tuchhändler, die das Wasser dieses Kanals zum Waschen der Wolle entnommen haben.
Neugierig geworden? Den vollständigen Stadtrundgang durch Reggio Emilia mit allen 22 Stationen, Wegbeschreibungen, PDF und GPX-Datei findest du hier!