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Venedig Cannaregio
Cannaregio: der unterschätzte Norden Venedigs

Wer Venedig kennt, kennt San Marco, Rialto und die endlosen Menschenströme, die sich täglich durch die engen Gassen zwischen diesen beiden Magneten schieben. Was die meisten dabei verpassen: Der nördlichste Stadtteil der Stadt, das Sestiere Cannaregio, ist in weiten Teilen erstaunlich ruhig – und gerade deshalb so interessant.

 

Strada Nova

Ja, es gibt hier eine Straße, die einen zweifelhaften Ruf genießt: die Strada Nova im Süden von Cannaregio, eine breite, im 19. Jahrhundert nachträglich in die Stadt geschnittene Schneise, die heute als Touristen-Trampelpfad gilt. Mein Rundgang durch Cannaregio beginnt tatsächlich auf genau dieser Straße. Aber keine Angst: Schon nach wenigen Stationen biegst du ab, und was dich dann erwartet, ist ein Venedig, das du so vielleicht nicht erwartet hast. Ruhig, eigenwillig, voller Geschichte – und mit einigen der schönsten Ecken der ganzen Stadt.

 

Der schönste Blick auf den Canal Grande

Der Startpunkt des Rundgangs ist gleichzeitig einer seiner Höhepunkte: die Ca' d'Oro, das „Goldene Haus". Der Name klingt nach Übertreibung – ist es aber nicht. Die Fassade dieses spätgotischen Palastes war im 15. Jahrhundert tatsächlich mit Blattgold verziert, dazu kamen Ultramarin und Zinnoberrot. Das Gold ist längst verblasst, die Schönheit des Gebäudes aber nicht.

Im Inneren befindet sich heute ein Kunstmuseum, die Galleria Franchetti. Wer hineingeht, wird mit einem Blick belohnt, den man so schnell nicht vergisst: vom Obergeschoss direkt auf den Canal Grande, mit dem Treiben der Vaporetti und Gondeln darunter.

 

Eine Kirche wie ein Schmuckkästchen

Mitten im Gewirr der Gassen im östlichen Teil von Cannaregio taucht sie plötzlich auf, und man bleibt unweigerlich stehen: die Chiesa di Santa Maria dei Miracoli. Pietro Lombardo hat sie Ende des 15. Jahrhunderts erbaut, und sie wirkt bis heute wie aus einem anderen Zeitalter gefallen – oder eher: wie sorgfältig in eine Schatulle gelegt.

Die Fassade aus weißem und grauem Marmor, die runden und achteckigen Fenster, die Proportionen – alles an dieser Kirche ist auf eine Weise ausgewogen, die man selten sieht. Dabei liegt sie nicht an einem großen Platz, nicht an einer breiten Straße. Sie steht einfach da, zwischen Kanälen und Brücken, als wäre sie schon immer Teil dieser Kulisse gewesen.

 

Vom Ghetto zum Kanal

Das jüdische Ghetto in Venedig ist das älteste der Welt. 1516 erließ der venezianische Senat ein Dekret, das alle jüdischen Bewohner der Stadt verpflichtete, in diesen abgegrenzten Bereich im westlichen Cannaregio umzuziehen. Was heute wie ein historisches Detail klingt, hat globale Spuren hinterlassen: Das Wort „Ghetto", das heute in fast allen Sprachen der Welt verwendet wird, stammt direkt aus dem venezianischen Dialekt. Ghèto bedeutete schlicht „Gießerei" – denn genau dort, wo das Viertel entstand, befanden sich zuvor die Eisengießereien der Stadt. Wenn du durch die Porta del Ghetto gehst, betrittst also nicht nur ein historisches Viertel, sondern auch den Ursprungsort eines der bekanntesten Wörter der Weltgeschichte.

 

Noch ein Tipp für den Abend: der Rio della Misericordia

Dieser lange Kanal zieht sich durch den westlichen Teil von Cannaregio und ist gesäumt von Restaurants und kleinen Bars, an denen die Einheimischen sitzen, als wäre der Massentourismus eine Erfindung einer anderen Stadt. Hier bestellst du einen Spritz oder ein Glas Wein, schaust auf das Wasser und merkst, dass Venedig eben doch mehr ist als Markusplatz und Rialtobrücke.

Neugierig geworden? Den vollständigen Rundgang durch Cannaregio in Venedig – mit allen Stationen, Wegbeschreibungen und Tipps – findest du hier!

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